Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu einem denkwürdigen Ereignis zu machten. Sie durfte die Tiere berühren, wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: I will take the baby lions home and teach them to be mild. Der Bärenwärter ließ einen seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über Tiere zu lesen.
12. Dezember 1887.
Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?
Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr zu Weihnachten schenken.
Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über die sie weinen muß — ich glaube, es geht uns allen so — es ist so angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.
1. Januar 1888.
Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht mich stark und glücklich.
Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf ihre Leistung.
Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge neuer Ausdrücke bereichert.