Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, »einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.

Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf — sogar zwei, denn einen hätte Santa Claus übersehen können — und lag lange Zeit wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: He will think, girl is asleep. Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für sie gegeben, erwiderte sie: I do love Mrs. Hopkins. Sie hatte eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: Now Nancy will go to party. Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte, sagte sie: I will write many letters, and I will thank Santa Claus very much. Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit und heiliger Freude.

Eines Tages stieß Helen auf das Wort grandfather in einer kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: Where is grandfather? womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: He is dead. Helen fragte: Did father shoot him? und fügte hinzu: I will eat grandfather for dinner. Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret schießt.

Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von carpenter, und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: Did carpenter make me? und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: No, no, photographer made me in Sheffield.

In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte die Hitze und fragte: Did the sun fall?

26. Januar 1888.

Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: Pencil is very tired in head. I will write Uncle Frank braille letter. Auf meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, erwiderte sie: I will teach him. Ich setzte ihr auseinander, Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen. Sofort antwortete sie jedoch: I think Uncle Frank is much old to read very small letters. Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber sie entgegnete: No, pencil is very weak. Ich glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern.

Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, Mildreds Augen seien blau, fragte sie: Are they like wee skies? Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: lips are like one pink. Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung aus dem Gesicht verlieren.

10. Februar 1888.

Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe. Nichts als Aufregung vom frühen Morgen bis zum späten Abend — Ausflüge, Einladungen zu Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie uns, was Helen meint — oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht verständlich machen. — Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives Empfinden.