Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: I must buy Nancy a very pretty hat. Sie besaß einen Silberdollar und ein Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: I will pay ten cents. Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte sie: I will buy some good candy to take to Tuscumbia.
Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.
Dr. Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. Dr. Edward Everett Hale beruft sich auf seine Verwandtschaft mit Helen und scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.
5. März 1888.
Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes ein:
Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (Cross is cry and kick). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (Fierce is much cross and strong and very hungry). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (I do not like sick). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme (I like much icecream very much). Nach dem Mittagessen fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo und Pearl werden mit uns gehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (Funny makes us laugh). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett gehen.
Helen Keller.
16. April 1888.
Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht aus und sagte dann: I’ll send them many kisses. Einer der Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen täten. Sie erwiderte: They read and talk loud for people to be good. Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen schicklich war. Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und sie ist so anmutig wie eine Nymphe.
Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer über bleiben.