15. Mai 1888.

Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.

Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. Dr. Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge war ein Arzt, und Dr. Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.

Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden, der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu Dr. Keller: Ich habe lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. Dr. Garcelon holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine Puppe kaufen; aber sie sagte: I do not like too many children. Nancy is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad. Wir lachten, daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. Some beautiful gloves to talk with, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das Alphabet darauf pressen lassen.

Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, »sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden verbinden können.

Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, »freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei der Erziehung ankommt.


Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält interessante pädagogische Betrachtungen:

Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.