Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts »einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. — Ein kleiner Knabe mit einem Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. — Als wir in das Zimmer traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. — Nein, antwortete sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas schreiben, was sie persönlich berührt. — Es erschien mir alles so mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby — hübsch — und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der Sprache war nicht größer.
Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.
Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.
In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.
Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres Geburtstagsfest vergegenwärtigt.
Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen zu wollen.
Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, — und sie hat sich eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten Gedanken zu erraten.
Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den Bewegungen ihrer Mutter und fragte: What are we afraid of? Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt: What do you see?