Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie vorher, als ich ihre Hände festhielt.
Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. 253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei tot. Dies war das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, und daß man es begraben — in die Erde gelegt habe. Ich bin geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit diesem Vorfall habe ich das Wort tot stets gebraucht, wann sich die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen einzulassen.
Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: Where is poor little Florence? Dann setzte sie hinzu: I think she is very dead. Who put her in big hole? Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner Freundin mit den Worten: They are poor little Florence’s. Dies traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können. Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:
Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (She got in the ground and she is very dirty, and she is cold). Florence war sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist sehr traurig in dem großen Loche (Florence is very sad in big hole). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.
Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.
Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.
Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen Launen nach.
Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die Zeit vertreiben.
Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.
Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei und anmutig.