Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu gebrauchen, denn, sagt sie, „poor horses will cry“. Eines Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.
Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „very wrong“; sie schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.
Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.
Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe ihr, was ich vom Fenster aus sehe — Hügel, Täler und Flüsse, Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen, Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen der Einwohner.
Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter zu gebrauchen. Sie sagte z. B.: Helen milk. Ich nahm die Milch, um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab ihr aber nicht eher zu trinken, als bis sie mit meiner Hilfe einen vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: Give Helen some milk to drink. Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein Stückchen Zucker, so sagte ich: Will Helen please give teacher some candy? oder teacher would like to eat some of Helen’s candy, wobei ich das ’s besonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie: Helen wants to go to bed oder Helen is sleepy, and Helen will go to bed.
Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits. Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.
Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen, intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr: teacher is sorry. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin, daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.
Auf dieselbe Weise lernte die das Wort happy, ebenso right, wrong, good, bad und andere Adjektiva. Das Wort love lernte sie wie andere Kinder — durch die Verbindung mit Liebkosungen.
Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand still, während der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte t–h–i–n–k. Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser Zeit gebrauchte sie stets das Wort think.
Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie perhaps, suppose, expect, forget, remember. Wenn Helen fragte: Where is mother now? antwortete ich: I do not know. Perhaps she is with Leila.