26. September [1888]

Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.

Ich weiß nicht, wie alt er war, glaube aber, er ist möglicherweise sechs Jahre alt gewesen (but think he may have been six years old). Vielleicht hieß er Joe (Perhaps his name was Joe). Ich weiß nicht, wohin er ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber vielleicht schickte ihn seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen einzukaufen (But perhaps his mother sent him to a store to buy something for dinner). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich vermute, er brachte sie seiner Mutter (I suppose he was going to take it to his mother).

Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt. Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.

Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.

Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches System leiten ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl. [S. 261]).

22. März 1888.

Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen. Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag. Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und froh (I did learn about calm. It does mean quiet and happy). Onkel Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün. Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.