Sie lächelte ein wenig traurig – wie in Gedanken.

Dann waren sie wieder still miteinander und der Schlitten flog immer weiter, weiter wie ein Vogel.

Sie war eine gute Begleiterin, sie störte ihn wirklich nicht, und er hatte nicht das Gefühl, sie unterhalten zu müssen.

Es giebt Leute, die das Leben ihres Nebenmenschen als den Hauptstrom betrachten und sich selbst nur als Bächlein, das dem Strome nichts entzieht, sondern ihm seine eigenen Wellen leise, unmerklich zuträgt. Und so ein Strom bemerkt es kaum, verfolgt seinen Lauf gedankenlos weiter. Möglich, daß er, wenn die stillen Wellen, die ihn stärken, einmal ausbleiben, den Verlust bemerken wird.

»Sag' einmal, Anne, du könntest doch bald einmal wieder in die Stadt kommen?«

»Ja, wie soll ich denn abkommen?« Und nach einer Pause fragte sie weiter: »Aber du, mit deiner Wohnung, wie ist denn das – gehst du denn doch wieder in die alte?«

»Ich denk' schon.«

»Nein, du mußt dir eine andere nehmen, sei nicht so faul, Friedel. In der Salzstraße stecken zu bleiben – wie kannst du nur! Wie wir bei dir waren, verging mir Hören und Sehen!«

»Da solltest du einmal nachts dasein. Das ist, wenn man nicht wie ein Bär schläft, zum aus der Haut fahren. Mir, gottlob, macht's nichts – nur ein paarmal – da wurde ich aber wütend. – Wie du gelacht haben würdest, wenn du mich hättest sehen können! Stell dir vor, ich konnte nicht einschlafen und hörte die ganze Geschichte, alles, was sie da treiben – was man sonst so verschläft. – Ein solcher Bahnhof in der Nacht ist die Hölle! – Stockdunkel – und aus der Dunkelheit Töne und ein Würgen und Arbeiten, ein Rasseln und Wüten, Schreien und Pfeifen. Und in einem fort – in einem fort. Nie fängt's an und nie hört's auf. Sie werden nie fertig. Es hat so etwas Verzweifeltes – und immer wie in höchster Not – die Rufe klingen wie Unglücksschreie, das Rasseln, als wenn etwas Entsetzliches geschehen wäre. Das Puffen und Stoßen, als wenn etwas Lebendiges zerquetscht würde. – Man stellt sich die gräßlichsten Dinge vor und alles klingt wie ewige Aufregung, ewiges Überangestrengtsein – erbarmungslos und sinnlos. Als wenn Wahnsinnige toben und schieben und poltern und puffen und heulen und schreien und brausen und pfeifen. – Man kommt in eine Spannung, in eine Wut! Es ist, als wenn man das fürchterlichste Fieber hätte – und die draußen wüten fort – wüten fort ohne Ende. Jetzt hat's geklappt, gerollt, gepufft, sich eingehängt, gerade als wenn's fertig und zufrieden wär – Gott bewahre – es geht von neuem los! – Da kommt wieder etwas Neues angewütet, angebraust, angeheult. Große Geschichte, dachte ich das erste Mal – das werden wir gleich haben – verstopfte mir die Ohren. Prost Mahlzeit! Und dann wie ein Narr wickelte ich mir die Hosen um den Kopf, so fest und so dick wie's ging. Wie ein Warenballen! Und heiß! Aber durch jede Ritze drang das Gewüte – scheußlich! Das war die erste Nacht – damals wollte ich natürlich gleich ausziehen; aber da lachte meine Hauswirtin und ihre Tochter, und beide sagten: ›Ja, die erste Nacht! Das hat aber gar nichts auf sich. Wir haben uns ganz daran gewöhnt. Es ist noch besser als manches andre. – Und schließlich hört man's gar nicht mehr, da kömmt's einem vor wie die größte Stille‹.«

»Das war das lange Mädel, die das gesagt hat – die wir bei dir sahen?« fragte Anna.