VIII.
In einer Nacht erwachte Olly in tiefer Dunkelheit. Sie hatten ihr das Bett auf dem Schlafsofa im geheizten Zimmer gemacht. Es war eine ungewohnte Art zu liegen für sie und ein ungewohnter Raum. Sie erwachte vollkommen verwirrt und wußte sich nicht zurechtzufinden. Wo lag sie? In welchem Zimmer? Sie starrte vor sich hin, ratlos und angstvoll, wollte nach den Streichhölzern an ihrem Bett suchen, kam nicht damit zurecht. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug ihr, Hände und Füße brannten. Im Hals empfand sie, was sie schon lange empfunden, – etwas Fremdes.
Es war da etwas, was nicht sein sollte, etwas Unerträgliches, ein Körper, ein Splitter, etwas, das heraus mußte, etwas, das ihr Angst machte. Es war ihr, als müßte sie in dieser Verwirrung ersticken. Sie ertastete die Wand und mit einem Ruck war alles in Ordnung.
Jetzt sah sie auch die Fenster. Es schimmerte von draußen ein kaum merkliches, mattes Licht herein. Sie atmete auf; aber die Last, die sich während der Verwirrung ihr auf die Brust gewälzt hatte, blieb. Die dunkeln Gedanken kamen, die Gedanken, die vom Licht verscheucht werden, die aber in der Nacht sich wie Raubvögel auf die stürzen, die der Schlaf flieht. Mit ihren großen, dunkeln Flügeln kommen sie herangeflogen, mächtig, lautlos, und senken sich auf die arme Seele nieder, die sich wie ein Hase zusammenduckt, wenn der Uhu über ihm ist.
So kauern tausend und abertausend armer Seelen schlaflos in dunkler Nacht, und irgend ein Entsetzen hat die Krallen in sie eingedrückt und schlägt mit den Riesenflügeln brausend und betäubend über ihnen. Und Scharen solcher urweltlicher Riesennachtvögel giebt es. Scharen, die seit Anbeginn nachts ihre Jagd auf die Menschen machen.
Sie zögern mit dem Todesstreich. Die Herzensangst, die sie unter sich zappeln fühlen, macht ihnen Spaß. Sie weiden sich an der Todesangst ihrer Opfer – und sie vergnügen sich daran, bis das Tageslicht sie verscheucht. Aber sie kommen wieder und immer wieder.
Über der kleinen, armen Hasenseele in der dunkeln Stube schwebte jetzt der grauenhafteste Unhold und quälte sein Opfer.
»Mimm!« rief Olly in Todesangst, mit einer ganz herzzerrissenen Stimme und so heiser und krank und zitternd. »Mimm!« noch einmal. Er hörte nicht. Er lag in der Nebenstube und schlief so fest.