Und im andern Zimmer lag sie auf den Knieen und weinte wild und zornig und verzweifelt.
IX.
Zwei Tage waren vergangen und Köppert war nicht in der Dämmerstunde gekommen. Sie hatte auf ihn gewartet von Minute zu Minute, gewartet, wie sie nie irgend etwas zuvor erwartet hatte. Den ersten Tag hatte sie bis zu der Stunde, die ihn bringen sollte, krampfhaft gearbeitet. Den zweiten Tag war ihr das nicht möglich gewesen. Sie ließ das Modell zu Mittag gehen und hockte sich mit einem Buch in ihre Sofaecke.
Sie fühlte sich nicht wohl, eine elende Schwäche lag über ihr und die Erwartung wie ein Fieber, das ihr jeden Nerv zittern und beben ließ. Kommt er? Kommt er nicht? Das war alles, was ihre Gedanken beschäftigte. Nicht einen Augenblick wurde sie frei von der Qual.
Mimm kam von Zeit zu Zeit aus dem Atelier von seiner Arbeit, um nach ihr zu sehen. Er fragte sie jedesmal, wie es ihr ginge, und machte so ein komisches Gesicht dazu. Es war ihm ganz neu, sich um jemand zu sorgen, und sein Kommen that Olly jedesmal weh. Es war ihr immer, als risse er sie aus einem tiefen Schlaf. Sie bebte in jedem Empfinden und blieb ganz stumm, um dem armen Mimm nicht gereizt zu antworten.
Statt Köppert kam am zweiten Nachmittag in der Dämmerstunde der Arzt. Auch er scheuchte sie aus einem tiefen, traumähnlichen Zustand auf. Sie hatte im Geist fortwährend mit Köppert gesprochen. Was hatte sie ihm alles erzählt? Sie hatte ihm ihr Kranksein geklagt; aber nicht verzweifelt, nicht bang – ganz kühl. Es war nichts Erschreckendes, wenn sie mit ihm darüber sprach. Sie hatte ihm von ihrer Arbeit vorgeplaudert und von Mimm und von ihrer Kindheit. Kleine Geschichten, die sie wahrscheinlich nie gewagt hätte, ihm wirklich zu erzählen.
Da war eine, über die lachten sie in Ollys Vorstellung beide miteinander. Als sie bei ihrer alten Tante wohnte und zu Weihnachten und Ostern nach Hause reiste, fuhr sie jedesmal derselbe alte Kutscher nach der Bahn und brachte nach einiger Zeit seine Rechnung, auf der stand regelmäßig zu lesen: ›Eine Furie nach der Bahn‹.
Sie erzählte ihm von ihrer Verlobung, von daheim. Wie in einem Bilderbuch blätterte sie in ihrem Leben – und alles sollte er erfahren, mitsehen. Es war ein sonderbares, fieberhaftes, inniges Sich-mitteilen.