Und jetzt geht der Tanz los. ›Pfui Teufel!‹ denkt er und stürzt wie ein Pfeil mitsamt dem Haken in die Tiefe und vergräbt sich in den Schlamm. Die Verzweiflung hat ihn mit einem Schlag gepackt. Er wühlte sich so tief hinein als er kann. Das kennt man schon, er macht's immer so. Die Angel ist darauf eingerichtet. Im Schlamm hält er sich ganz still und geduldig und verbeißt den Schmerz. Denn der oben zuckt und zerrt und quält ihn auf alle Art. Er soll bald heraus. Aber er liegt wie ein Held und rührt sich nicht. Der Übermut ist ihm freilich vergangen; aber ein Stück Kraft und Seelenstärke ist in ihm, um die man ihn beneiden könnte. Das geht unbegreiflich lang so fort. Der oben immer gezuckt und gezerrt und der unten immer ganz still abgewartet und ausgehalten und den Schmerz verbissen.

Jetzt mit einemmal thut er einen Schlag auf Tod und Leben, einen Riesenschlag. Er ist ganz Muskel, ganz Willen, ganz Verzweiflung. Auf diesen Schlag hat der oben immer ganz kühl gewartet. Der kennt das schon. Sie nennen den klugen verzweifelten Streich den Karpfenschlag. Oft genug gelingt's auch, die Schnur reißt und er hat sich frei gemacht. Gelingt's nicht, reißt die Schnur nicht, so war's umsonst, dann ist er mit einemmal ganz geduldig und weise und läßt sich heraufziehen wie ein Lamm. Er hat dann alles aufgegeben und fügt sich. – Um nichts schlechter macht er's wie die großartigste Menschenseele. Alle Hochachtung!«

Olly hatte Köppert gespannt zugehört. »Nun freut mich's erst recht,« meinte sie, »daß ich meinen dicken Freund in Freiheit gesetzt habe, trotz dem Karpfenschlag geschehen noch unerwartete Dinge für alle Geschöpfe. Daß wir Sie kennen lernten, war auch unerwartet.«

»Olly ist köstlich!« rief Gastelmeier. »Ja, Köppert, du weißt nicht, wir müssen uns nächstens so eine Art Tempel für dich einrichten. Du hast hier eine fanatische Anhängerin.«

»Und wenn Sie wüßten wie ich Sie beneide,« sagte Olly. »Sie stehen so kühl da, als wenn nichts auf der Welt Ihnen etwas anhaben könnte – und so gesund wie Sie aussehen, so fest und leicht. Sie sind gewiß sehr stark.«

»Weshalb nicht? Glauben Sie, ich war in Ihrem Alter so weit wie Sie? Ich bin ein alter Kerl jetzt. – Schauen Sie – Eselsfarbe. Wir gewiegten Hühner bummeln kolossal.«

»Ja, aber Sie leben! Sie schauen ganz anders ins Leben hinein. Das merk' ich.«

»Na, warten Sie, wir gehen nächstes Frühjahr miteinander Karpfen fischen. Sie sollen das alles selbst erleben, wie er so frisch und seelenvergnügt und jung daherkommt, das Schnäuzchen reckt – die netten Schnalztöne – und wie er sich endlich im Haken fängt, wie er verzweifelt in den Schlamm stürzt und sich vergräbt, den Schmerz verbeißt, die brave Heldenseele, wie er gequält wird, und dann – den Karpfenschlag – die Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung. – Großartig! Das müssen Sie selbst erleben.«

Da sah Köppert in ein Paar große, zornige, thränenerfüllte Augen. »Selbst erleben – ich fürchte auch,« sagte Olly zitternd erregt. »Glauben Sie, daß es mich nach dieser Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung verlangt? – Glauben Sie?«

Sie schluchzte auf. Er sah einen Augenblick in ein ganz verzweifeltes Gesicht. Dann stürzte sie fort und warf die Thüre hinter sich zu.