»Vielleicht – vielleicht auch nicht. Weshalb soll mich gerade das Böse nicht treffen? Sagten Sie's nicht?«
»So, das hab' ich dumm gemacht, so ein Schafskopf,« erwiderte Köppert und schlug sich vor die Stirn. »Aber wie Sie auch auf alles hereinfallen!« Das unregelmäßige Gesicht mit den gescheiten Zügen nahm einen wunderlich weichen, jungen Ausdruck an. »So ein Teufel! Komme her, um Sie auf frohe Gedanken zu bringen, und hetze Sie, Gott weiß wie.«
»Na, Kinder, gebt Ruh jetzt,« sagte Gastelmeier.
»Gefühlsflohjagd!« brummte Köppert vor sich hin und war mit seinen Gedanken irgendwo.
»Weißt du, Köppert,« sagte Gastelmeier, als Olly in das Nebenzimmer gegangen war, »meine Frau ist jetzt in einer unglaublichen Stimmung, ich versteh' gar nicht, was ist denn eigentlich los?
Olly!« rief er. Sie kam.
»Denk' dir, was sie mit einem Weihnachtskarpfen gemacht hat. Weißt du's? Erst für teures Geld gekauft und dann in die Isar gelassen!«
»Marlitt?« fragte Köppert freundlich schlau lächelnd und kniff dabei die Augen zusammen. »Das ist Marlitt, so etwas. Herr Gott, wozu? Machen Sie damit die Welt besser? Einfach Gefühlsflohjagd. Macht euch doch das Leben nicht so unsinnig schwer, Insekten! Gnädige Frau, der Karpfen ist zum essen da. Punktum. Nächsten Sommer wollten wir miteinander fischen gehen. Das Raubtier in uns muß hin und wieder etwas zu thun bekommen, das Altjüngferliche in uns muß fort. Das setzt sich sonst an und frißt sich ein. So wird nie ein gewiegtes Huhn aus uns. Wissen Sie, wie ein schöner, strammer, lebenslustiger Karpfen sich erwischen läßt?«
»Nein,« sagte Olly.
»Also, so ein Karpfen ist auch ein gewiegtes Huhn. An einem warmen, trüben Tag wirft man die Angel aus. Ein Teich; breite grüne Blätterflaten schwimmen drauf, welche die Süßlichkeitspoeten uns eben so verekelt haben, daß ein anständiger Mensch sie nicht mehr zu nennen wagt. Na also Seerosen.« Köppert fuhr sich zum Zeitvertreib einmal wieder durch den Haarschopf. »Die sind gut für den Karpfen, wie ein Dach liegen sie über dem Wasser und halten die Sonne ab. Er ist Sybarit. Jetzt kommt er, frisch und vergnügt und denkt sich irgend was. Er bummelt oder Gott weiß, was er treiben will. Er ist im schönsten Lebensalter, übermütig, unternehmend, ein Prachtkerl! Jetzt merkt er was. ›Halt still,‹ denkt er, ›was ist denn das? – Aha!‹ Nun schaut er sich die Geschichte an und streicht unter den großen Blättern hin und her. Er traut nicht und möchte doch. Er ist riesig aufgeregt und tanzt und schnalzt und fährt mit dem Schnäuzchen an die Luft. Und immer die netten Schnalztöne. So ein Prachtkerl, frisch wie's Leben! Er wird ganz des Kuckucks – und überlegt. Er hat gerade einen Appetit auf so etwas und ist so fidel, so zufrieden. Ein Frühstückchen konnte nicht schaden. Es ist ihm immer vortrefflich ergangen. Schließlich, wie das Ding sich so durchaus vertrauenswürdig verhält, meinte er, daß man es versuchen sollte. Er schnappt und der Haken sitzt fest. Das hat er nun davon.