»So, was sich ›moderne Frau‹ nennt, meinen Sie? Sie sagten doch ›moderne Frau‹? – Da, stell' ich mir vor, ist ein Hunger, ein Verschmachten nach: sagen wir ganz trocken – sie will Selbständigkeit und Heraustreten aus den Massen. Da kocht es in den kleinen Töpfchen, als brodelte Genie darin, mag auch hie und da vorhanden sein; weshalb nicht? Im ganzen aber wirft die Natur Blasen auf, es will etwas werden. Natürlich kocht es überall. Wir Mannsbilder werden Gott weiß was, Maler, Mediziner, alles Mögliche. Da giebt es keine Hindernisse, da ist Windstille, alles in Ordnung.«

Köppert fuhr sich wieder über die Stirn bis zur Nasenwurzel; man hätte meinen sollen, er hätte sich schon im Lauf der Jahre eine förmliche Rinne gegraben. »Das Weib aber, das Weib in der Einzahl,« murmelte er, »da ist die Sache anders. Es greift nach etwas, zitternd vor Kraft und Wollen. Es ist eine Heldin, es kämpft und hat keinen Boden unter den Füßen, muß erst jede Handbreit Boden erkämpfen. Das ist eine Unmöglichkeit, scheint es, aber sie macht's möglich, natürlich mit wunderlichen Sprüngen. Lacht nur über sie. Sie rechnet auch mit dem Lachen. Aber aufhalten! Teufel auch, das kann sie nicht vertragen. Sie will eben vorwärts. Punktum. Ist das so ungefähr der Sums? Sie wird ein Dämon, wenn sie aufgehalten wird!«

»Wahrhaftig,« sagte Olly. »Und wissen Sie noch etwas. Sie hat Durst nach Ruhm. Ich kann es nicht anders sagen. Es graut ihr davor, wie ein Hund zu sterben. Tausende von Männern haben Ruhm errungen; sie will die Wonne auch haben, und ihr Ruhmdurst ist fürs erste größer als eurer. Sie will's natürlich für sich erreichen; aber doch nicht nur für sich. So, wissen Sie, als wollte sie sagen: Mit dem, was ich erreicht habe, adle ich euch alle. Ihr hättet es auch gekonnt, viele von euch, – und besser.

Verstehen Sie mich auch?« fragte sie heiser. Und wunderlicherweise standen ihr Thränen in den Augen.

Sie war vom Sofa aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. »Ja,« sagte sie mit zitternder Stimme, »alles Aufhalten ist Qual. Sie haben ganz recht. – Und krank sein! Wissen Sie, krank sein, das ist's.«

»Und so was,« meinte Gastelmeier im Scherz, »so was hat man geheiratet. Ja, siehst du, Köppert.«

»Armer Mimm,« sagte Olly erregt und mit glühenden Wangen. »Du bist an etwas Schönes gekommen.«

»Ruhig, ruhig,« brummte Köppert. »Insekt – einfach Insekt – erinnern Sie sich's noch? Der da oben kennt sich längst nicht mehr zwischen einer handvoll Leuten und einer handvoll Räupchen aus. Also wozu der Sums? Na, wozu? Trauerspiele aufführen hat keinen Sinn, absolut nicht. Hören wir endlich damit auf, dem Schicksal immer wieder den Gefallen zu thun. Nicht wahr? Na, also.« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Neulich ging ich nachts an der Türkenkasern' vorüber, da standen zwei besoffene Kerle, der eine drosch auf den andern, hob den Arm um auszuholen und brummte: ›Sag du noch einmal Lallenstedt – du!‹ Na, und der andre sagte: ›Lallenstedt‹ ganz gehorsam. Bums, da hatte er's. – ›Sag noch einmal ›Lallenstedt‹, du!‹ ›Na – Lallenstedt‹ sagte der andre. Bums, da hatte er's wieder. Und noch einmal, und so ging's fort, es war immer dasselbe, gerad' wie zwischen uns und dem Schicksal. Es will, wir sollen ›Lallenstedt‹ sagen – und wir sagen ›Lallenstedt,‹ so oft es von uns verlangt wird, und werden jedesmal gehauen. Weshalb machen wir ihm eigentlich immer den Spaß? Wenn wir 's Maul hielten, würde es schon mürb werden und uns in Ruhe lassen. Maul halten, das ist auch eine Art Erlösungswerk für die Menschheit.«

»Ich versteh' Sie,« sagte Olly immer noch tief erregt. »Aber Sie sind gesund. Sie haben gut reden.«

»Und was denn! Sie werden auch wieder gesund,« sagte Köppert.