Sie war vom Sofa aufgestanden und starrte den Arzt an. Die Hände hielt sie ineinandergepreßt.

»Frauchen! Ruhig Blut,« brummte der Doktor und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist denn nu? Na? – Gar nichts. So jung wie Sie sind. Und ich sag's ja, wenn Sie vernünftig sind und sich gut halten und mir folgen – Sie sollen sehen.«

Olly hatte sich wieder in ihre Sofaecke gekauert und schüttelte zu allem, was der Doktor ihr zum Trost vorbrachte, den Kopf.

»Außerdem,« sagte sie, nachdem sie eine Weile stumm dagesessen hatte, »bin ich nicht vernünftig. Damit rechnen Sie bei mir nicht. Wie lange denken Sie, daß ich noch arbeiten kann?« Sie fragte es mit zuckendem Mund. In ihren Augen lag ein unbändiger, verzweiflungsvoller Trotz.

»Sie sollen vernünftig und maßvoll arbeiten, mein Kind. Haben Sie je einen Menschen gesehen, der gewußt hätte, wie lange er noch arbeiten oder sonst irgend etwas thun darf? – Wie?«

»Redensarten sind auch eine Medizin, lieber Doktor; aber bitte, geben Sie mir die nicht.« Ihr Gesicht war ganz von Thränen überflutet, und sie faßte die Hände des alten Herrn.

»Also: die Hauptsache ist, sich ruhig halten. Vergessen Sie das nicht. Sind Sie denn so ganz allein? Wo ist denn Ihr Mann?«

»Im Atelier,« sagte sie. »Er arbeitet!« Das war wieder so ein heiserer Aufschrei. »Er arbeitet.«

»Ruhig, ruhig, mein Kind,« sagte der Arzt wieder. »Gut, Sie halten es für Redensart, dafür kann ich nichts; aber ich sag's Ihnen, allein in Ihrer Gemütsruhe und Heiterkeit liegt Ihre Heilung. Sie haben den guten, lieben Mann, die vergnügte Seele, lassen Sie sich von dem helfen und helfen Sie ihm.«

Sie blickte vor sich hin, wie in einen gleichmäßigen dichten Nebel, der mit einem Schlag ihr alles Leben überdeckt hatte. Der Arzt sprach lange noch auf sie ein. Sie hörte nicht mehr auf ihn.