»Leben Sie wohl einstweilen, kleine Frau, ich schicke Ihnen Ihren Mann.«

Olly rührte sich nicht. Sie hatte ganz mechanisch dem Arzt die Hand gereicht. Jetzt blieb sie eine ganze Weile allein. Sie dachte an den Karpfen. – Wie der Angelhaken festsitzt, wie der Karpfen sich in den Schlamm vergräbt. – Ja – tief hinein. Über ihm der Schlamm und über dem Schlamm das Wasser – so schwer liegt das Unglück, das ihn traf, über ihm. Über dem Wasser scheint die helle Sonne, die geht ihn nichts an.

Als Gastelmeier zu ihr hereinkam, war er sehr freundlich und sehr bewegt. ›Ähnlich wie nach der Trauung,‹ dachte Olly. Sie beobachtete ihn ganz kühl. Niemand ging sie eigentlich mehr etwas an. Sie mußte mit sich allein fertig werden. Der Karpfen saß unten im Schlamm, mußte tausend Schmerzen verbeißen, der oben riß an ihm und quälte ihn und zuckte an der Schnur. Die übrigen Karpfen schwammen lustig und guter Dinge weiter und ließen sich's wohl sein. Der im Schlamm war ein ganz andres Tier als die Kameraden geworden. Sie verstanden ihn nicht mehr – und er verstand sie nicht mehr.

In dieser Nacht schlief sie keinen Augenblick, rief aber auch nicht nach Mimm. Wozu?

Sie starrte in gleichmäßigen, dicken Nebel, der sich ihr noch mit keiner Gestalt belebte. Er war so dicht, daß sie die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Der Nebel aber war die vollkommene Hoffnungslosigkeit, die mit einemmal über sie hergefallen war. Die hatte etwas Einschläferndes, etwas Erstarrendes; ohne den wahren Schlaf zu bringen, brachte sie so ein dumpfes, lebenabgewandtes Brüten.

Am andern Morgen kam Mimm und fragte, wie sie geschlafen hätte.

»Ganz gut,« sagte sie. Da freute er sich.

Sie hatte, wie es ihr schien, gar nicht das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Darüber verwunderte sie sich selbst. Es war gut so – ganz gleichgiltig im Grund. ›Ob das anhalten würde?‹ fragte sie sich.

Sie arbeitete und es ging sogar etwas besser wie gestern. ›Wenigstens,‹ dachte sie, ›werde ich zu den Menschen gehören, die krank fortarbeiten.‹ Sie dachte an allerlei Leute, von denen sie wußte, daß sie berühmt wurden, trotzdem sie krank waren.

Das war ein Trost – mehr als Trost, das war ein Anfeuern der Kräfte, das hatte etwas Begeisterndes. Ja, sie wollte kämpfen und sie arbeitete bis zur Atemlosigkeit. Und heute – ganz unverhofft kam Köppert. ›Weshalb eigentlich sollte er kommen?‹ hatte sie tagsüber gedacht. Dreimal war er dagewesen, unverhofft, dann war er weggeblieben, wahrscheinlich für immer. Sie hatte ihm außerdem eine Szene gemacht. Wahrscheinlich fürchtete er sich vor ihr. Kein Wunder. Das seelenverzehrende Warten war wie von ihr genommen. Aus dem dichten Nebel, der sie seit gestern umgab, war bisher nichts aufgetaucht als ein: sie wollte arbeiten, arbeiten, vor allen Dingen arbeiten.