»Ein Fledermäuschen«, flüsterte Olly.

»Jawohl. Zusammengelegt wie ein Regenschirm. Sehen Sie sich's nur an.« Er hält es auf der flachen Hand und zeigt ihr's hin. »Jeder Esel meint, er kennt so ein Seelchen in- und auswendig. Gott bewahre, das könnt' jeder sagen. Der kleine, zart pulsierende Schatten mit dem wundervollen Elfengesichtchen, schauen Sie nur – die Edelsteinaugen! Diese Zartheit im Näschen und im Schnäuzchen, die winzigen Zähne und die großartigen Riesenohren! Nicht? – schaut sie nicht aus wie eine kleine Pfründnerin in der Haube? Nicht wahr neu? Das kannten wir noch nicht?« Er lachte etwas auf.

Es reckte die Flügel ein wenig. Olly befühlte es. »Ein Hauch,« meinte sie.

»Nun, und wie steht's mit der Kunst?« sagte Köppert. »Ich meine: wir, wir Neuen, wie soll ich sagen, wir kennen das Fledermäuschen! Zum Beispiel: Sie und ich etwa – wir durchgeglühten Seelen. Wir malen's, wollen's wenigstens malen, bis in die feinsten Geheimnisse, wie es pulsiert. Es sieht nicht aus wie eine Fledermaus, sagen die andern, die eine Fledermaus höchstens aus Bilderbüchern kennen, eher wie ein zusammengeklappter Regenschirm. – Affektiert. – Wo sieht's so aus? Niemals. – Jawohl, kennt ihr's denn? – Wer wird eine Fledermaus nicht kennen? sagen sie. Punktum. – Ich aber sage: Die Fledermaus ist ihnen ganz Geheimnis. Gerad' wie der Mensch auch. Sagen Sie selbst, wann steht je einer so niederträchtig superklar da, wie die Leute ihn gemalt haben wollen und wie sie ihn gemalt bekommen? Immer geheimnisvoll. – Lichter, Schatten, Fleisch, Fett, alles unbestimmt ineinander zitternd – dort wieder wie in Fels gehauen, hier wie im Nebel, jetzt strahlend, jetzt verschwommen – auf- und niederwogend. Grau. Blendend. In allen Farben. Fahl. Eine wilde Jagd.

Jetzt schauen wir ganz ruhig und warten's ab, und – halt still – haben's – aber in einem Moment, der so intim, so erhascht, so überrumpelt ist, daß die andern ihn überhaupt nie gesehen haben, so wenig, wie sie das Fledermäuschen je sahen, darum sag' ich: Wir erfassen das Fledermäuschen, wir lehren euch die wunderliche Erde wie neu kennen, an der ihr vorbeilauft und davon redet, als kenntet ihr sie.«

»Darf ichs zum Fenster hinausthun?«

Er hatte das Tierchen, während er sprach, immer zart in den hohlen Händen gehalten, damit sie sich das Köpfchen beschauen konnte. Er öffnete das Fenster ein wenig. Das Tierchen saß ihm auf der Hand, krabbelte hin und her, ganz vertraulich. ›Schlimm hast du's nicht mit mir gemacht,‹ dachte es vielleicht. Ein pfeifendes, piependes Tönchen und fort war es.

»Auch ein Frühlingsbote,« sagte er und schloß das Fenster. »Es ist mir ins Atelier geflogen. Übrigens, weil wir gerad' dabei sind. Es ist fabelhaft, was für Fortschritte Sie gemacht haben, seit wir uns kennen – rein fabelhaft! Ja, mir hat's was Unbegreifliches. Offen gesagt: ich hab's einem Weibe nicht zugetraut. Eine Feuerseele! Sie werden eine große Künstlerin. Sie sind eine. Bei uns ist keine Schmeichelei. Sie dringen riesig fein ein – so was ich sagte – in die Geheimnisse, die andre nicht sehen.«

Er hatte nicht auf Olly geschaut, als er sprach, sondern irgendwohin, nach der Decke oder auf den Fußboden, wie das seine Art war, wenn er etwas Gutes zu sagen hatte. Jetzt hob er den Blick und sah ein Gesicht vor sich voller Glückseligkeit. Das arme, schmerzbeladene, kranke Gesicht von vorher war mit einem Schlag verändert. Hoffnungslosigkeit, verbissene Qual, fortwährendes gehetztes Überangestrengtsein, alles hatte sich verkrochen, wie die Nacht vor der Sonne.