»Du meinst, es ist jetzt alles aus, kommst dir entsetzlich betrogen vor? Sehr begreiflich. Von solchen Gedanken läßt du dich zerreißen?«

»Ja – ja,« sagten die armen Augen.

»Hör' mich,« sagte er leise, »vielleicht hast du mehr gelebt, als irgend eine andre, und lebst mehr, als irgend eine. Denke – allein seit wir uns kennen: Da ist so ein Mensch gekommen, Tag für Tag, der hat vor dir ausgepackt, was er nur auszupacken hatte, und wie haben wir einander verstanden! Meinst du, so etwas giebt es oft in dieser Welt, da laufen sie aneinander vorüber wie die Tiere, brummen sich etwas zu vom Futter, vom Wetter, von ihrem Befinden! von den besten Weideplätzen – und aus ist's. Wir aber! Denk' doch!

Und wie verstehen wir uns in Dingen, für die man eigentlich keinen Gefährten findet! Und denk', wie du gewachsen bist. Ich sag' dir's. Erstaunlich. Du bist eine riesig feine Kreatur. Künstler durch und durch. Stell' dir vor, wie sie würgen und hetzen und wie steifleinen es ist, was die meisten zuwege bringen. Denk' nur. Und wie wundervoll wir miteinander gearbeitet haben. Denk' an all das und daß du einen Kameraden hast, – wenn du alles wüßtest! – dem du außer seiner Arbeit das erste menschliche Gut bist. Stell' dir den rapauzigen Waldmenschen vor – und wie gut er's mit dir meint. Na, als wenn das alles nichts wäre.«

Er sprach weiter und weiter. Mit jedem Wort wollte er ihr Trost bringen, vergaß sich selbst, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind einwiegen will, der eigenen Müdigkeit vergißt. Er sprach ganz einfach ohne alle Sprünge und Sonderbarkeiten und dachte nur einzig: Sie soll in ihrem Jammer die weiche Hand spüren.

Und sie spürte sie. Mit großen Augen nahm sie seine Worte auf, wie eine verdurstete Pflanze den Regen. Sie fühlte sich sicher bei ihm; wie oft hatte er schon Qual und Jammer von ihr verscheucht, nur damit, daß er da war und mit ihr von Gott weiß was sprach! Und heute, wo er mit seiner heilenden Hand die furchtbare Wunde berührte!

Sie machte ihre Hand jetzt langsam von ihm los und zeigte nach dem Tisch vor ihrem Bett. Da hatte Emil weiße Zettel hingelegt und einen wundervoll gespitzten Bleistift. Köppert reichte ihr, was sie verlangte, und gab ihr auch den Pappdeckel, der als Schreibunterlage nebenbei lag.

Olly hielt die matte Hand lange ruhig, dann schrieb sie mit zitternden Fingern: »Weißt du noch, mein Kamerad, der Karpfenschlag? Heute nacht und heute morgen – das war mein Karpfenschlag – tief im tiefsten Grund und Schlamm – ganz einsam – vielleicht kommt auch bei mir nun die Weisheit, und daß ich geduldig werde.« –

Köppert nahm ihr den Zettel aus der Hand und las ihn und in den Augen standen ihm die nicht mehr zurückzuhaltenden Thränen. Und er fiel vor ihrem Bett auf die Kniee und küßte ihr die Hände und preßte sie wieder und wieder an die Lippen. Dabei konnte er nicht Herr seiner Thränen werden.