Die Mutter des geprüften Schriftstellers befand sich in hochgradiger Aufregung. Mit schwacher Stimme wandte sie sich an den sich Empfehlenden:
»Mein Herr, glauben Sie mir, Mutter von drei Kunstbeflissenen zu sein, ist keine Kleinigkeit. Dazu gehören Nerven – Nerven – und wieder Nerven –«
»Mami,« sagte das junge Mädchen, welches bisher scheinbar teilnahmlos dem ganzen Vorgang gefolgt war: »Ihr erwartet eben alle zu viel. Arbeiten auf Tod und Leben. – Das ist's – weiter nichts fürs erste,« und die dunkeln Augen leuchteten von einem innern Feuer. Gastelmeier blickte gespannt auf das Mädchen. Sie war in diesem Augenblick voll Schönheit und Entschlossenheit.
Die Leute beängstigten ihn und thaten ihm leid, und um sie ein wenig auf andre Gedanken zu bringen, erzählte er ihnen von seiner vorigen Wohnung, beschrieb ihnen den nächtlichen Rangierbahnhof, die Unruhe, den Lärm, der ihn eigentlich gar nicht so sehr gestört hatte, das Gewühle und Gewürge und wie sie nie fertig werden, in aller Ewigkeit nicht, auch wenn es manchmal so scheint, als wäre alles zufriedengestellt und eingehakt; wie es immer von neuem, immer von neuem angeht, unaufhörlich. Er erzählte es so, wie er es Annele auf der Fahrt von Rohrmoos nach der Station beschrieben hatte, und fügte hinzu, daß ihm deshalb ein Zimmer, das in einen stillen Garten blicke, im Rückgebäude läge, so behage; er brachte sich selbst auf diese Weise in eine künstliche Zufriedenheit mit seinem unfreiwillig erworbenen Besitztum.
Als er gerade inmitten seiner eifrigsten Rangierbahnhofsbeschreibung war, ließ Emil sein altkluges: »Verflucht! verflucht! verflucht! verflucht!« los und schnitt ein so sonderbar ironisches Gesicht, daß es Gastelmeier außerordentlich unbehaglich wurde und er herzlich gern einige väterlich gemeinte Worte an den Jüngling gerichtet hätte, wenn es ihm nicht geratener erschienen wäre, die Familie mit nichts zu beunruhigen. Sie kam ihm vor wie der verwunschene Teich, vor dem die Buben gewarnt werden, damit sie nicht etwa mit Steinen hineinwerfen, weil es sonst im See wild zu tosen und zu toben beginnt auf eine Weise, die keinem Sterblichen gut thut. Aber er hätte doch gern gewußt, weshalb Emil, bei der Beschreibung, die er der Familie zuliebe gemacht, seine ironische Maske aufgesetzt hatte.
Frau Kovalski lud ihn zum Familienthee ein, der seit geraumer Zeit im Wohnzimmer stand und ihr plötzlich wieder in die Erinnerung gekommen war. Man hatte ihn über den verschiedenen rasch aufeinander folgenden Unglücksfällen vergessen. Olly war ja vorhin so übereilig aus der Atelierthüre gestürzt, weil sie die Theestunde um ein Beträchtliches versäumt hatte – und die Versäumnis durch ein paar Sprünge gut machen wollte. Eile aber ist des Teufels Werk.
Gastelmeier lehnte dankend den Mitgenuß des Thees, der jedenfalls stark gezogen hatte, ab und verabschiedete sich endgültig. Er hätte schon heute Nacht in dem originell eingerichteten Zimmer schlafen können. Dieser Gedanke aber hatte etwas so Befremdliches für ihn, daß er sich durchaus nicht auf ihn einließ.