Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu – da war etwas – etwas, was er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes, Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon. Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.
Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder, die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und hatte ihr Kopfkissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie erhob sich matt.
»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.
»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge der Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie Künstler sind.«
Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel ihm die Geschichte mit dem Roman ein.
»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden, auch gedruckt würden – davor möge uns der Himmel bewahren!«
»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte trüb vor sich hin.
»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben – von einem Roman!«
Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie wehmütig.
Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte das Bedürfnis, gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.