Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem Papier zu sehen.
»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.
»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte, machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste gelangweilt weiter zu arbeiten.
»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.
»Ne,« sagte Emil, »Olly.«
Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte. Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem Unterhaltungsstoff.
»Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? – Er hat den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an Gastelmeier.
»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.
Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr, eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter – man muß ihn gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel – da wird er ruhig. Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren Shawl.