»I wo, kannte oder nicht kannte, meinen Vater, den kenn' ich,« platzte er patzig heraus in seinem Eifer. »Du kanntest ihn doch und weißt nicht einmal, wo er im Elend gesteckt hat. Jedesmal muß ich dir's sagen. Also wo hat er gesteckt? Zuerst in –? Na? – –«
Emil schaute fragend nach seiner Mutter, klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch und wartete auf die Antwort.
»Wieder nicht,« sagte er. »Nun erfährst du's aber so bald nicht wieder von mir.« Er klappte das Skizzenheft zu und schloß es wieder ein. »Geld hat er keines gehabt,« fuhr der dicke Bursche fort, »und krank ist er gewesen. Hätte er Mama nicht gefunden, wär's ihm noch übler gegangen. Aber in seiner langen Krankheit ist auch Mamas Geld weniger geworden, von tausend Geschichten – Mistjauche! Wenn die Menschen nicht so elend gewesen wären und ihm nicht bei jeder Gelegenheit mehr abgenommen hätten, als recht war, säßen wir jetzt anders da.«
»Jawohl,« sagte Olly wieder und schaute entrüstet auf ihren Bruder; »Geld! Geld! und Wohlleben, wie euch und besonders dir das im Blut steckt! Gottlob, daß kein Geld da ist, sonst würdest du verfaulen bei lebendigem Leibe. Wir sollen arbeiten. Arbeiten auf Leben und Tod – das ist's!« Diese Beteuerungsformel schien das junge Geschöpf zu lieben. Sie bediente sich ihrer bei jeder Gelegenheit. »Und die Menschen! Schimpf nur nicht immer auf die Menschen. Bist du etwa keiner? Wie ich das nicht hören kann! Das ist entsetzlich grün von dir. Woher meinst du denn, daß sie so abscheulich sind? Weil es Papa schlecht ging und uns auch nicht besonders? Natürlich deshalb. Sie sollen dir etwas ins Haus tragen, du willst gehätschelt und gefuttert werden. Wofür denn? Ja, das werden sie aber bleiben lassen. Mit Recht. Ich gerade finde, daß die Menschen gut sind; viel besser, als sie zu sein brauchten. Meinst du etwa, die Natur wäre nicht grausam? Du? Eins frißt das andre immerzu und überall. Und es giebt doch Menschen, die wollen wenigstens die andern nicht fressen. Das ist erschrecklich viel – und denke doch, wie's ihnen geht. Gefragt wird keins, ob es leben will oder nicht – und dann kommt es in das Elend hinein, so dumm, so hilflos und arm, und muß mit allen Kräften arbeiten, um nicht zu verhungern, und die Krankheiten und die Kälte, der Winter und, daß er sündigen muß und gestraft wird, und tausend Nöte und Qualen – und das Blindsein und das Alter und der Tod – was für gräßliches Zeug! Und es giebt doch Menschen, die über alles hinaus gut sind. Was meinst du, ein Gott hat es leicht, gut sein, aber ein Mensch – Emil, weißt du, ein Mensch!«
Das sagte sie so liebevoll und faßte in ihrem Eifer die Hand ihres Bruders, gewissermaßen, um ihn auch körperlich zu sich hinüberzuziehen.
»Ihr seid wieder von dem bißchen Pech mit Erwin ganz zusammengekrochen. – Herrgott, wie man so wenig frei sein kann! Und dich, du dicker Sack, geht's doch gar nichts an, dächt' ich.«
»Oho,« sagte Emil. »Sack ist wieder gut.«
»Jesus,« meinte Olly, »wenn ein Künstler nicht Zigeuner ist! Ihr seid alle wie Kaufleute. Ist kein Geschäft gemacht, laßt ihr die Köpfe hängen. – Sie sind aber doch bei so einer Art Zigeuner,« wendete sie sich jetzt zum erstenmal an Gastelmeier, der ganz versunken dem jungen Geschöpf zugehört hatte.
»I wo, bei Zigeunern,« sagte Emil pfiffig und setzte die schlimmste Maske auf, deren sein bewegliches fleischiges Gesicht fähig war.