»Ja, meinen zweiten Gatten hat das Schicksal schwer getroffen; als junger Mensch von zwanzig Jahren ist er als politischer Verbrecher in die Bergwerke gekommen, nach einem von den vielen polnischen Aufständen – wohin doch gleich zuerst?« Die Dame hatte den Namen vergessen.
»Nach Semiretschinsk,« sagte Emil ungeduldig. »Herrgott, Mama, weißt du denn das noch immer nicht?«
»Und, denken Sie sich, Papa hat,« fuhr er fort, »ehe er nach Semiretschinsk kam, ganz genau geträumt, wie es dort aussah – ein langes Blockhaus und noch ein elendes Haus und ein ewig langer Zaun und eine verkrüppelte Birke und ein niedriger Schuppen und nichts weiter. Weit und breit Schnee, nur Schnee und Schnee, und der Himmel auch schneeweiß. Und wie sie dahin gekommen sind, hat er's nach seinem Traume erkannt und hat laut aufgeweint.« Das erzählte Emil lebhaft, viel lebhafter, als es Gastelmeier ihm hätte zutrauen können.
»Später ist er dann,« fuhr die Dame zu erzählen fort, »von da weggekommen nach …« Hier fehlte die nähere Bezeichnung wieder.
Aber Emil half auch diesmal, gewissermaßen entrüstet, aus. »Nach Werchne Kolimsk,« sagte er und ging an ein kleines Pult, in dem alles, im Gegensatz zu den übrigen Dingen im Zimmer, ziemlich ordentlich lag. Aus diesem Pult nahm er eine Landkarte, schob Tassen und Teller auf dem Tisch eifrig beiseite und breitete die Karte aus.
»Hier war Papa,« sagte er, »neun und ein halbes Jahr lang, dann kam er dahin – später hierher.« Emil zeigte alle Orte auf der Karte. »Zweiundzwanzig Jahre lang hat's gedauert, dann haben sie ihn freigelassen und er konnte endlich nach Deutschland ziehen, wohin er unterwegs war, als man ihn gefangen nahm. Denken Sie sich, damals begleitete ihn bereits ein Empfehlungsbrief an einen bekannten Münchener Maler; diesen Brief hat er zweiundzwanzig Jahre aufgehoben und hat ihn dann dem Sohn des Malers übergeben, der Vater war inzwischen gestorben. Papa hatte früher schon gemalt und ist hier als älterer Mann noch auf die Akademie gegangen. Er hatte nur wenig Geld und war krank; aber er hat doch mit seiner Malerei verdient. Sehen Sie, da ist etwas von Papa.« Emil ging wieder an sein Pultchen und brachte eine Mappe mit Skizzen. »Das sind Bilder aus dem Elend,« sagte er eifrig. »Das sind alles Gefangene und Verbannte mit Ketten, wie sie im Schnee stehen. Das hier ist ein Grenzstein, da nehmen sie Abschied voneinander. Die einen gehen dahin, die andern dorthin – sie werfen sich auf den Schnee und weinen und schreien und jammern.«
Emil war ganz bewegt. Das Skizzenbuch war sein Eigentum. Olly blickte hinein und sagte: »Schade, daß Papa sich nicht hat besser ausbilden können, er hätte etwas erreicht. In den Figuren liegt Talent.«
»Geh',« sagte Emil. »Wie er's gemacht hat, so hat er's gemacht, da ist nichts zu kritisieren.«
»Mein Sohn Emil,« sagte die Mutter, auch jetzt mit matter Stimme, »hängt mit Zärtlichkeit an seinem Vater, obgleich er ihn nie gekannt hat.«