Allmächtiger Gott, dacht' ich, was sind das für Neuigkeiten? Entweder bist du wahnsinnig geworden von der Angst, oder – und mir kam die alte Geschichte in den Sinn, daß in der versunkenen Stadt Vineta manchmal die Glocken läuten sollen unter Wasser: aber wer das Läuten gehört hat, ist ein verlorener Mann und sieht das Land nie wieder – – Und das bist du jetzt, und also sind das deine Totenglocken.
Aber Vineta liegt weit draußen in der Ostsee bei Streckelberg, wie kann man da das Läuten bis hier hören? Ja, dafür sind es Zauberglocken; christliche Glocken läuten auch erst nach dem Tode, nicht vorher.
Indessen ging das draußen ruhig weiter – bum – bam – bum – bam – immer schöner, immer freundlicher.
Ich machte die Augen zu, und da kam es mir vor, als ob es die Weihnachtsglocken wären. Und ich faltete die Hände und dachte an die Zeiten früher, wenn am heiligen Abend die Glocken gingen und dann gleich der Baum angesteckt wurde und aufgebaut war – mein Gott, was alles für Herrlichkeiten! – Und wie nachher immer mein erstes gewesen, noch schnell am Abend zu Heinz Wichards zu laufen, seine Sachen zu besehen und meine zu zeigen und zu teilen, was zu teilen war – – ja wahrhaftig, wir hatten alles Gute damals geteilt als gute, treue Kameraden, ohne Neid und giftige Eifersucht bis –
Und in diesem Augenblick hatte ich nur den einen Wunsch und eine recht bitterliche Sehnsucht, meinen Heinz nur einmal noch vor meinem Ende zu sehen, ihm um den Hals zu fallen und – na, ihm eine Kleinigkeit abzubitten.
Bum – bam – bum – bam –
Und nun klang es langsam, feierlich aus und wurde ganz still, ganz still.
Und an der schauerlichen Stille merkte ich erst sicher, daß die wunderbaren Glockentöne doch kein Hirngespinst, sondern irgend etwas Wirkliches gewesen waren.
Ich hielt es nicht mehr aus in der dumpfen Kajüte, stand auf und ging aus der Tür ins Freie.
Da war es schon Morgen, ein trüber und regnerischer Morgen, aber Tageslicht.