Mit der schönen Hersilie aber gab es zuletzt noch eine neue Überraschung.

Der Heinz nämlich lachte so recht gemütlich und sagte:

»O lieber Junge, unsere Hersilie ist schon seit dem Sommer – lange ehe ihr Vater starb – heimlich verlobt mit einem jungen Leutnant; nur daß sie leider vorläufig noch nicht ans Heiraten denken können, weil sie beide zu arm sind. Aber auch ohne das wäre es mir gar nicht eingefallen, noch an die alte Flamme zu denken – weißt du, ich habe inzwischen schon eine neue Jugendliebe verschmerzt – sondern ich bin wirklich nur um die antiken Fragmente hergekommen. Mit den Dingern bin ich freilich auch angeführt, ich habe sie gestern Abend noch besichtigt; sie sind rein gar nichts wert, nicht einmal der Frauentorso in der Hausnische, höchst mittelmäßige Arbeit aus spätrömischer Zeit, wie sie in Italien und Griechenland an jeder Landstraße zu finden sind. Wunderlich genug, daß der Alte sich mit dem Kram geschleppt hat; er muß doch nicht viel davon verstanden haben.

Übrigens ein merkwürdiges Beispiel, wie einem die jugendliche Illusion mitspielt oder die idealisierende Kraft der Erinnerung: ich hätte darauf geschworen, der Torso wäre ein gutes Stück und eines guten Preises wert. – Mit Hersilien ist's anders: die ist ein nett Mädchen und nicht häßlicher geworden, und nicht dumm. Ob sie aber zur Gelehrtenfrau gepaßt hätte, ist mir doch fraglich, und zur Seemannsfrau vielleicht erst recht nicht. Darüber können wir uns beruhigen. Aber ein nett Mädchen ist sie.«

So urteilte mein Heinz, und er ist wirklich ein Kenner, für Marmor sowohl wie für Frauenzimmer.

Signet

Otto Ernst:
Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem Buche »Vom geruhigen Leben. Humoristische Plaudereien über groß und kleine Kinder« (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 1903).

Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Wer je in seinem Leben den vortrefflichen Roman »Auch Einer« des noch vortrefflicheren Humoristen Friedrich Theodor Vischer gelesen hat, der wird sich auch in späteren Jahren noch mit Behagen erinnern, daß der Dichter ein Erkleckliches und Erquickliches zu reden weiß von der »Tücke des Objekts«. Man wird sich desgleichen erinnern, daß der Dichter unter solcher »Tücke des Objekts« die große Summe der kleinen Hindernisse versteht, die uns von äußeren und zufälligen Umständen gerade bei unseren wichtigsten und erhabensten Handlungen in den Weg geworfen werden. Eine große Tat vollbringen, ist keine Kunst, wenn man im entscheidenden Augenblicke nicht durch Niesen oder durch das Platzen einer Naht an ihrer Vollbringung gehindert wird. Das ist der Sinn der Vischerschen »Tücke des Objekts«.