Lebe wohl, Kinderzeit! Ernst muß es werden, und das Ungetüm draußen mag mich verschlingen, sobald es Lust hat. Es soll mich als Mann wieder ausspeien an dem fremden Strande. Das ist beschlossene Sache, die deine roten Augen, Waldhornminele, nicht mehr ändern können. Der Mann will hinaus! – Jetzt aber zum letztenmal – und ganz gewiß zum letztenmal!

Ich riß ein Blatt aus meinem Notizbuch und schrieb auf die Rückseite einer Kesselschmiede zu Aachen Abschiedsverse an meine armen, zurückgebliebenen Freunde, an Mina, an Minas zahlreiche Freundinnen und an meine ganze Jugendzeit, die ich unbarmherzig im Meer versenkte. Dann folgten etliche trotzige Strophen an die Stürme der Zukunft und ein fragwürdiges Schiff, das ich mit großer Zuversicht um brandungumtoste Klippen zu steuern vorgab. Die Reime flogen mir zu. Dagegen weiß ich heute noch nicht genau, wie ich in den Wandschrank kam, in dem sich nach holländischer Weise mein Bett befand. Es ging alles in schönster Ordnung. Aber ein gütiger Himmel mußte mich auch damals geleitet haben, wie später mannigfach, wenn ich, in Freud' und Leid, das Steuer nicht mehr allzufest in der Hand hielt.

Ein sonniger Morgen weckte mich aus wogenden Träumen. Draußen rasselten die Dampfwinden mit einer Lebenslust und Arbeitswut, die fast wehe tat. Mein schwarzer Freund mit seinem unerschöpflichen Appetit war schon am ersten Frühstück. Er verspeiste soeben zehntausend Bretter. Dazu Geschrei und Peitschenknallen, Pfeifen und zischendes Abblasen von Dampf in allen Richtungen.

Auf meinem Tischchen lag mein Gedicht und die Flasche von gestern. Etwas beschämt wendete ich mich von beidem nach dem Bilde lebendiger Arbeit, das draußen in der Sonne schimmerte. Wie die Wellen der Schelde im frischen Morgenwind den Strom heraufjagten! Und mir war fast ebenso wohl. Es war trotz allem ein in jeder Beziehung famoses Getränke, dieses merkwürdige Ale, nur ein wenig zu stark. Es dichtet und bringt unentschlossene Menschen zur Vernunft, zwei Eigenschaften, die man selten in einer Flasche beisammen findet. Denn mein Entschluß stand fest. Ein kleines Schwanken ging mir nur noch zwei- oder dreimal durch den Sinn, wie das Nachzittern einer großen stürmischen Bewegung; aber es hatte keine Gefahr mehr, selbst wenn ich mich mit zusammengebissenen Zähnen für immer vom Liebsten hätte losreißen müssen, das ein junger Mensch auf dieser Erde besitzen – möchte. Mein letzter Tag auf dem alten Kontinent war angebrochen. Ich rief stürmisch nach Marie und meinem Kaffee.

Diesen letzten Tag aber wollte ich noch in vollen Zügen und nach deutscher Art genießen. Bis Marie mit ihrer vlämischen Gewandtheit sich aufgeschwungen hatte, mit dem Kaffee zu erscheinen, durfte ich wohl nachsehen, was ich eigentlich gestern besungen hatte. Das sollte in Zukunft ja auch aufhören; das vor allem andern! Ich las:

Leb wohl, du sonnige Jugendzeit,
Ihr Berge und Burgen am Rheine!
Mir ist so wohl, mir ist so weit,
Leb wohl für immer, du Eine!

Es reimt sich zwar ganz hübsch; aber wer – wer ist die Eine?

Ihr habt mich umsponnen, doch nicht gebannt
Mit eurem lieblichen Scheine:
Leb wohl, mein schlummerndes Heimatland,
Leb wohl für immer, du Eine!

Das Gedicht war sehr viel länger; aber die folgenden – schätzungsweise – sieben Verse konnte kein sterbliches Auge mehr entziffern. Der Gott, wie die alten Griechen es nannten, hatte mir in einer Weise die Hand geführt, daß seine geheiligten Hieroglyphen mit menschlichen Schriftzügen nicht mehr verwechselt werden konnten. Auch schien mir, was irgend noch zu entziffern war, gestern unverhältnismäßig tiefer und wärmer gelautet zu haben. Etwas verdrießlich warf ich das Blatt unter den Tisch; hob es aber wieder auf, als sich im Fluge auf seiner Rückseite die Aachener Kesselschmiede zeigte, die ich nicht verlieren wollte. Es konnte nichts schaden, das alles mußte ja aufhören. Nach acht Stunden; dann, um vier Uhr, wird ein neues Leben angefangen.

Ich hatte in den letzten zwei Tagen nur Werkstätten und Werften der geschäftigen Seestadt Belgiens gesehen. Nun wollte ich zum Schluß das alte, niederländische Antwerpen durchpilgern und mir's sechs Stunden lang in einem andern Jahrhundert wohl sein lassen. Es war ein Genuß, den ich heute nicht mehr wiederzugeben vermöchte, selbst wenn ich den alten Bädeker von 1861 zu Hilfe nähme: die Kathedrale mit ihrem wundervollen Spitzenwerk aus Stein, die unsterblichen Niederländer im Museum, die alten Häuser aus der Zeit der Hansa und der ganze versteinerte Reichtum eines stolzen freien Bürgertums, das uns die Spanier halb zertreten haben, und das wir selbst mitzertraten in unserm dreißigjährigen Ringen um eine Gewißheit, die noch heute niemand besitzt. Als ich im Halbdunkel einer der abgelegensten Kirchen der Stadt nach der Uhr sah, war es halb vier – höchste Zeit, mein deutsches Leben und Träumen abzuschließen.