Im Sturmschritt verirrte ich mich zweimal; im Galopp langte ich im Schwarzen Anker an. – Der » Northern Whale « – der »Nordische Walfisch« pfiff schon zum erstenmal, während ich in mein Zimmer trat, und spie Dampf und Wasser aus, als ob er es keinen Augenblick länger in der Schelde aushalten könne. Mein kleiner Koffer wurde in wilder Eile gepackt. Marie und das ganze Haus arbeiteten an meiner noch kleineren Rechnung, die ich unter der niedern Gasthoftüre mit Zurücklassung mehrerer Franken bezahlte, da der Herr Oberkellner vergeblich das erforderliche Kleingeld in den Mansarden des Hotels suchte. »Wo bekommt man die Fahrkarten für den Dampfer?« fragte ich im letzten Augenblick, schon auf dem Weg nach dem Schiff. Marie, deren vlämische Ruhe durch meine damals noch ungebändigte süddeutsche Hast aus der Fassung gebracht worden war, schrie laut, um mir dadurch ihre Muttersprache etwas verständlicher zu machen, jedoch völlig ohne Erfolg. Ich glaubte, noch etwas von der nächsten Straßenecke zu hören, als der Walfisch zum zweitenmal einen heulenden Pfiff ausstieß. Es müßte doch des Kuckucks sein, dachte ich, wenn sie mein gutes Geld nicht auch an Bord nehmen wollten, wie auf dem Bodensee! »Adieu, Marie! Meine Londoner Adresse liegt auf dem Tisch in Nummer fünf, wenn Briefe kommen sollten! Adieu, Schwabenland! Anders geht es jetzt nicht mehr. Adieu!«

Es war allerdings nur ein paar Schritte; aber die mächtigen Räder des Walfisches drehten sich schon, schläfrig, ein wenig vorwärts, ein wenig rückwärts, wie wenn das Ungetüm am Erwachen wäre und sich gähnend besänne, was vorn und was hinten sei.

Ein jäher Schreck durchfuhr meine Glieder. Wenn es sich plötzlich aufmachte, ohne mich. Ich war die steile Landungstreppe hinauf wie der Blitz, trotz Koffer, Reisetasche, Plaid und Schirm. Ein Matrose, der am obern Ende stand, vermutlich der Kontrolleur der heraufkommenden Reisenden, erhielt von meinem Koffer einen unabsichtlichen schweren Stoß in die Magengegend und sah mir mit einem » Damn these Germans! « ärgerlich nach. Es mußte ihm genügend deutlich geworden sein, daß ich mitfahren wolle. Und damit war ich auf englischem Boden und hatte den ersten englischen Gruß gehört.

Ich hätte mich nicht so sehr zu beeilen gebraucht. Eine halbe Stunde später wurde die Verbindungsbrücke eingezogen, gerade, als auf dem ruhiger gewordenen Staden in feierlichem Zuge ein wuchtiger Engländer mit fünf flachsblonden Töchtern sich dem Schiffe näherte, ohne sich im geringsten zu überstürzen. Man schob die Landungsbrücke wieder hinaus. Die Töchter erstiegen das Deck. Der Vater schien sie sorgfältig zu zählen. Dann sprach er über fünf Minuten lang mit seinem Kommissionär, der ihn unter lebhaften Dankesbezeigungen die Treppe hinauf zu komplimentieren suchte. Wieder wurde sie zurückgezogen, denn auch die Matrosen fanden die Unterredung etwas lange. Ein fünfstimmiges »Papa! Papa!« ertönte vom Schiff. Der Engländer winkte. Die Treppe wurde ihm abermals zugeschoben. Er stellte sich jetzt auf das untere Ende derselben und setzte seine Unterhaltung mit dem Kommissionär fort. So hatte er den Dampfer in seiner Gewalt, ihn sozusagen verankert, zog seinen Murray – den englischen Bädeker – aus der Tasche, entfaltete einen Stadtplan und schien sich noch über den Namen einer Kirche aufklären zu lassen. Als auch dies bereinigt war, drehte er sich langsam um, kam feierlich die Treppe herauf und begrüßte den Kapitän, der ungeduldig an ihrem oberen Ende gestanden hatte, mit Händeschütteln und einem wohlwollenden » All right, captain! «, als ob das alles völlig in Ordnung wäre. Zu eignem Gebrauch zitierte ich damals zum erstenmal Goethes inhaltsschwere Worte: »Dem Phlegma gehört die Welt.« Wie oft ich sie in den nächsten dreißig Jahren zitiert habe, weiß ich nicht. Es ist ein nützlicher Satz des großen, alten Herrn für jeden kleinen, jungen, der in die weite Welt hinausstürmt, ohne zu wissen, wohin.

Mit dem Gefühl behaglicher Geborgenheit hatte ich jetzt Zeit, mich umzusehen. Zunächst, bescheiden, wie ich war, suchte ich nach der zweiten Kajüte, fand ihren Geruch nicht nach meinem Geschmack, verbarg aber trotzdem, wie ich es andre tun sah, meinen Koffer vorläufig in einer der schmalen Bettstellen, die, zwei Stockwerke hoch, entlang den Kajütenwänden liefen. Hierauf fragte ich ohne Erfolg nach dem Kassier. Daß ein Schiffskassier Purser heißt, wußte ich damals noch nicht. Auch ohne dieses Hindernis verstand man mein bestes, seit vier Jahren wohlabgelagertes Schulenglisch sichtlich höchst mangelhaft und ließ mich stehen. Dann lief ich natürlich nach den Maschinen und versuchte voll Wissensdrang in den Maschinenraum hinabzuklettern. Ein mürrisches Gebrüll veranlaßte mich zu beschleunigtem Rückzug. Aber es war auch von oben ein erhebender Anblick: die mächtigen Kurbeln und Kurbelstangen, die blinkenden Lager, die kurzen, trutzigen Cylinder, die wuchtigen Gelenke der übrigens sehr unwissenschaftlichen Steuerung. Steuerungen waren von der Schule her mein Steckenpferd; je komplizierter, um so besser. Und als sich das alles zu regen anfing, die riesigen Massen lautlos hin und her schaukelten, das ganze mächtige Schiff zitternd zu leben begann und es draußen rauschte und sprudelte, da vergaß ich, daß jetzt der Augenblick gekommen war, in dem ich dem Lande meiner Väter, wer weiß auf wie lange, wer weiß ob für immer, den Rücken kehrte. In der geistigen Welt, die eine große Maschine umgibt, kann man, wie in jeder andern, versinken. Als ich wieder auftauchte, waren wir in der Mitte der Schelde und schwammen feierlich den großen Strom hinunter dem Meere zu.

Ich hatte keine Lust, Schiffsfreundschaften anzuknüpfen. Alles um mich her war so neu, so interessant, daß es mich völlig gefangen nahm: der schimmernde, sonnige Strom, der frische Nordwest, der uns von der fernen See entgegenbläst; jetzt ein Dreimaster mit ausgespannten Segeln, der aus Westindien kommt und zierlich wie ein Schwan an uns vorübergleitet, ein Dampfer, schwärzer als der unsre, mit Kohlen aus Cardiff; kleine Schoner und Fischerboote, die wir hinter uns lassen, andre, die in gefährlicher Nähe an uns vorübersegeln. Dann die flachen, grünen Ufer, hinter deren Dämmen die roten Hausdächer und die Turmspitzen holländischer Städte kaum hervorragen. Auf den Dämmen erscheint hie und da eine Herde schwarz-weißer Holländer Rinder, die neugierig nach unserm Dampfer sehen. Über all dem spannt sich der glänzende Himmel mit fliegenden Wölkchen, ein riesiger Dom in diesem flachen Lande voll eignen, sonnigen Lebens, das sich in seiner Frühlingsfreude regt und bewegt wie das plätschernde Wasser um uns her, und die stillvergnügte Erde hinter den Dämmen. Und da draußen muß es ja bald kommen, das große, ersehnte Meer, das ich heute zum erstenmal sehen soll. Drum bleibt es wahr: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt!

Doch es wollte Abend werden. Ein purpurner Sonnenuntergang spiegelte sich in der gewaltigen Wasserfläche, deren Ufer rechts und links kaum mehr als dünne violette Streifen erschienen, die Himmel und Erde trennten. Ein Kellner, unempfänglich für das weltentrückende Bild und seine einsame Pracht, eine Schüssel Irish Stew in den Händen, benachrichtigte mich, daß das Abendessen in der Kajüte bereit stehe. Ich dankte ihm; ich zöge es vor, den wundervollen Abend zu genießen. Auch ein handlungsbeflissener Landsmann hatte mich entdeckt, der schon zweimal in England gewesen war und deshalb ein unwiderstehliches Bedürfnis empfand, seine Landsleute zu belehren. »Sagen Sie nicht ›Kellner‹; das nimmt der Mann übel,« mahnte er. »Die Kellner auf Schiffen, selbst auf deutschen, heißen Stewards. Nicht zu verwechseln mit der schottischen Königsfamilie, die längst verstorben ist. Man schreibt sie auch anders.« Ich wiederholte meine Erklärung, daß mich der Sonnenuntergang genügend sättige. Mein wackerer Lehrmeister zog mich jedoch gewaltsam nach der Kajütentreppe. »Genießen Sie etwas. Sie werden es wahrscheinlich heute nacht brauchen können,« sagte er mit einem vielsagenden, nicht harmlosen Lächeln. »Übrigens sagen Sie nicht ›Treppe‹.« Ich hatte überhaupt nichts gesagt und suchte dies festzustellen. »Sagen Sie nicht Treppe!« fuhr mein Mentor sehr entschieden fort. »Eine Schiffstreppe heißt Campanion. Wir blamieren uns sonst.«

In dem niederen, düsteren Raum standen auf einer langen Tafel, die mit einem nicht übermäßig reinen Tischtuch gedeckt war, zwei mächtige Keulen kalten Fleisches, würdige Vertreterinnen der unübertroffenen englischen Rinder- und Schafzucht, Brote, Salzbutter, Pickles, Senf, alles, was ein einfaches Herz begehren konnte, in reichlicher Menge. Jedermann griff zu, die meisten mit einer scheuen, unruhigen Hast, wie wenn es die höchste Zeit wäre. Ein Steward schenkte den Leuten in mächtigen Tassen Tee ein. »Trinken wir eine Flasche Ale!« rief mein Landsmann. »Das verlangt schon die Höflichkeit; diese Bretter sind englischer Boden! Rule Britannia!« Eine eigentümliche Bewegung des Schiffes unterbrach ihn. Die Hängelampen neigten sich höflich nach links zu mir herüber. Die Beefkeule machte eine kaum merkliche, gespenstige Bewegung auf ihrer Platte. Die Teelöffel zitterten hörbar, und der Tee in jeder Tasse kam nachdenklich an den Rand, besann sich eines besseren, da er keine Lippen fand, und schien verstimmt sein altes Niveau aufzusuchen. Dann war alles wieder wie zuvor; nur statt des dumpfen Gemurmels der Gäste war eine plötzliche Stille eingetreten.

»Ich denke, wir sind draußen!« sagte endlich mein Landsmann erbleichend. »Nehmen Sie nicht noch einen Cognac? Brandy heißt man das an Bord-Schip.«

Das »Noch« machte einen eigentümlichen Eindruck. War es wirklich so schlimm – eine Art Abschied aus dem Diesseits? Nein, ich wollte keinen Brandy. Aber ich mußte sehen, wie es aussieht, wenn man »draußen« ist, und brauchte Luft. Die Atmosphäre in der Kajüte konnte jedes weitere Nachtessen ersetzen. Und jetzt machte alles um uns her eine zweite Bewegung, die Lampen, die Teetassen, selbst die Schafskeule; alles noch voller Höflichkeit, die nur das klappernde Umfallen eines Porzellanbeckens im dunkelsten Hintergrunde in unschicklicher Weise unterbrach.