»Ich denke, wir sind draußen,« sagten zwei weitere Herren gleichzeitig, wie auf einem guten Theater; »und eine glatte Überfahrt gibt's heute nicht,« fügte der eine kleinlaut hinzu.

»Ich habe immer das Glück!« jammerte ein vierter, ohne eine Spur von Fassung zu verraten, stand auf, kroch in die nächste Bettstelle, drückte den Kopf in die Kissen, die er verzweiflungsvoll über die Ohren stülpte, und zeigte der Gesellschaft rücksichtslos den breiten Rücken, über den von Zeit zu Zeit ein sichtbares Zucken lief: ein Bild von »Leides Ahnung«, die Schumann bekanntlich um jene Zeit so ergreifend in Musik gesetzt hat.

Ich hatte glücklich die Kajütentreppe erreicht, ehe die Lampen ihre nachgerade zudringlichen Höflichkeitsbezeigungen wiederholen konnten, und arbeitete mich am Geländer hinauf in die frische Luft. Das Klappern eines zweiten Porzellanbeckens tönte mir von unten nach, mahnend, drohend. Aber ich war oben. Ein scharfer Wind blies mir ins Gesicht. Die Sonne war untergegangen. Einsam und schwarz lag die weite Meeresfläche vor uns, besät mit weißen Flöckchen: den Wellenkämmen, die uns die dumpfbrausende Nacht rastlos entgegenjagte. An der Spitze des Schiffes tauchte das kurze Bugspriet auf und nieder, bald über die dunkle Horizontlinie sich in den lichteren Himmel hinaufbäumend, bald unter derselben in tiefem Dunkel versinkend. Manchmal hörte man von dort einen schweren, dumpfen Schlag, wenn das Schiff eine große Welle spaltete. Dann spritzte das Wasser über die Brüstung, weiß in lustigem Aufbrausen, als ob drunten in dem schwarzen Gischte ein grober Triton seinen Witz mit uns treiben wollte. Zuweilen aber kam es auch ernsthafter, wenn der Kobold ein paar Tonnen soliden Wassers über das ächzende Geländer warf, die dann mit rasender Geschwindigkeit auf dem Deckboden hinjagten, so daß achtbare ältere Herren erster Klasse, die sich zu uns herübergewagt hatten, in unziemlichen Sprüngen Rettung suchten. Doch sah das Ganze eher ernstlich und feierlich, als wild und gefährlich aus. Wir hätten keinen Sturm – weit entfernt! lachte ein deutscher Matrose, bei dem ich mich erkundigte. Nur eine steife Brise, die uns in die Zähne blies.

So also zieht man in die Welt hinaus, dachte ich und klammerte mich an die Brüstung auf der weniger feuchten Seite des Schiffs. In Gottes Namen! Etwas bedenklich darf es den Würmchen doch wohl vorkommen, hoffe ich, die der Trockenheit bedürfen und fast hilflos in diesem Urweltselement herumplätschern. Aber bange machen gilt nicht. Es sieht schließlich nur so aus. Sind wir doch dazu da, die Erde zu beherrschen und die Meere zu zähmen, und tun es mit leidlichem Erfolg; jeder in dem Schiffchen, in das ihn der Herr der Welt gesetzt hat. Bin ich nicht wie ein andrer Mann?

Und das herrliche Bild bekommen wir noch drein in den Kauf: die blauschwarze Nacht, die grauschwarze, weißgefleckte See mit ihrem gespenstigen Leben, das einförmige Brausen der Räder, die dumpfen Wasserschläge am Bug, das fühlbare Zittern, das durch den Riesenleib des Schiffes läuft in seinem rastlosen Kampf mit den Elementen. Es war herrlich; aber es dauerte nicht allzulange. Auf und ab, auf und ab stieg und senkte sich das brave Schiff, emsig seinen Weg durch die entgegenstürzenden Wogen brechend, ohne sich aufzuregen, ohne zu stocken, gleichgültig für alles, was hinter uns lag; vorwärts! Auf und ab, auf und ab.

»Das nennt man auf deutsch ›stampfen‹,« meinte mein kaufmännischer Landsmann, der kreidebleich auf mich zukam, ein geisterhaftes Lächeln auf den verzerrten Zügen. Sein lehrhafter Ton war völlig verschwunden, der Menschheit ganzer Jammer hatte ihn sichtlich ergriffen, aber die Macht der Gewohnheit ließ ihn noch nicht versinken. »Jetzt fängt das Schiff auch an zu rollen. Wir bekommen voraussichtlich Seitenwind – Südwest, wenn wir noch etwas weiter draußen sind. Rollen nennt man« – er unterbrach sich selbst mit erschreckender Plötzlichkeit. »Ich – ich – nehme noch einen Cognac – gehen Sie mit?«

Die Einladung erstarb auf dem Weg. Eine heftige Bewegung des Bootes schoß ihn in der gewünschten Richtung nach der Kajütentreppe, und polternd, mit etwas Seewasser, die Treppe hinunter. Ich sah ihn nicht wieder.

So, dies nennt man rollen, dachte ich mit dem Rest von Vergnügen, dessen ich noch fähig war. Es war nicht viel. Auch ich begann die Macht des großen Ozeans zu fühlen, der, man kann die Bemerkung kaum unterdrücken, sich in dieser Hinsicht gegen uns etwas kleinlich benimmt. Liegend soll der Widerstand länger möglich sein, hatte ich wiederholt gelesen, und auch der Tapferste kann mit Ehren der Übermacht weichen. Die nächste Sturzwelle schwemmte auch mich in die Kajüte hinunter.

Vier Hängelampen, wild hin und her schaukelnd, erhellten mit trübem Licht den Tartarus. Stöhnen, Schluchzen, manchmal ein Schrei nach dem Steward, von Unglücklichen, die in großer Eile zu sein schienen, geheimnisvolles Porzellangeklapper, Laute, wie sie sonst auf der Erde nicht gehört werden, kamen aus dem dunstigen, säuerlichen Halbdunkel. Dann wohl auch ein kurzes Aufseufzen der Erleichterung – ach, wie kurz – und gleich darauf röchelnde Versuche, Unmögliches zu leisten. Manchmal entrang sich wohl auch ein allgemein verständliches: »O Gott! o Gott!« einer gepreßten Seele oder ein zorniges: »Sind Sie doch endlich still da droben! Ich will schlafen!« und dann die Antwort: »Sie haben gut schimpfen, mit Ihrem Rhinocerosmagen!«, und die Fortsetzung ein unartikulierter, sachlicher Protest.

Mit der letzten Anstrengung meiner Kräfte war es mir gelungen, in meine Koje zu kriechen und mein Handgepäck hinauszuwerfen. Dasselbe fiel zermalmend einem dicken Herrn auf den Rücken, welcher zum Glück nicht mehr fähig war, sich zu wehren. Dann drückte ich den Kopf in die hinterste, finsterste Ecke meines Lagers, hielt mich krampfhaft an einem rätselhaften eisernen Ring, der aus der Schiffswand bequem in mein Bett hereinragte, und stemmte die Kniee gegen die Kajütendecke, so daß ich, nach allen Seiten wohl versteift, das Auf und Ab, Auf und Ab des wackeren Schiffes halb besinnungslos mitmachen konnte. So konnte man das Weltende oder was sonst noch kommen mochte, mit einiger Zuversicht erwarten.