»Der will sich die alten Marmorscharteken ansehen, die der Küper hinterläßt – Sie wissen doch, das Zeug, das er aus Griechenland eingeschleppt hat – vielleicht, daß er sie für sein Museum kaufen kann. So hat er mir gesagt. Möglich ist ja aber auch, daß er das lebendige Marmorpüppchen, die hübsche Hersilie, mal wieder unter die Lupe nehmen will; man hat so Exempel von Beispielen. Anzumerken war's ihm schon, wie nahe es ihm ging, daß die arme Person jetzt so verwaist dastände. Und verdächtig sind diese Art Mitgefühle immer, wenn solche arme Person so verteufelt hübsch ist wie die kleine Hersilie und noch obendrein eine alte Jugendflamme. Man hat Exempel von Beispielen.«
So redete er ganz ruhig und hatte keine Ahnung, daß mir dabei etwas in den Kopf gefahren war wie ein Wirbelwind. Ich sage nicht, daß nicht auch der Rotspohn sein Teil daran gehabt hat, denn es kam zu plötzlich und zu toll. Und wenn ich ehrlich sein soll, es war eine richtige Gemeinheit und nicht um ein Haar was Besseres, was mich da gepackt hatte; nämlich der niederträchtige, giftige Neid und Eifersucht auf den alten Freund und friedlichen Nebenbuhler, daß der nun doch zu guter Letzt bei unserer gemeinsamen ehemaligen Flamme sollte zum Ziele kommen können.
Und mit einem Schlage war die ganze alte Leidenschaft in mir wieder da, toller als je, und ich hätte in diesem Augenblick einen Finger darum gegeben, wenn ich der süßen Hersilie nur die Hand hätte küssen können. Wie das so auf einmal möglich war nach all den ruhigen Jahren, verstehe ich noch heute nicht; es kam über mich wie ein Gewitter. Schwere Angst! Und wenn ich mir nun vorstellte, daß der Heinz das Mädchen vielleicht zu dieser Stunde schon in den Armen hielt als seine Braut! Und ich hätte das ebensogut haben können, wenn ich eher daran gedacht hätte!
»Wann wollte er denn fahren?« fragte ich so gleichgültig als möglich, denn von Stund' an war ich heimtückisch und hinterhaltig geworden.
»Heute mit der Post,« sagte Radmann.
»Wann kommt die an?« fuhr ich hastiger dazwischen, als ich wollte.
»So gegen Abend. Um sechs herum, denk' ich. Natürlich mit der üblichen Verspätung.«
Ich sah nach der Uhr. Ein sonderbarer Gedanke zischte in mir auf. Ich dachte an das zugefrorene Haff.
Währenddem sah mich der alte Sünder, der Radmann, mit einem verdammten Grinsen an. Da wurde ich wirklich noch um einen Strich röter im Gesicht, denn ich glaubte, er müßte all meine nichtsnutzigen Gedanken in mir gelesen haben. Doch er sagte nur ganz gemütlich:
»Wissen Sie, Kannenberg, was ich anfange zu merken?«