Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines Gold — ganz ausgeglüht. — Weltfremd.

Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; — aber stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden, durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt, in der alle Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.

Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama. Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.

Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so vornehm.

Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!

Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse, erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten Mama verschüttet und begraben war.

13.

Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.

Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.

Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.