Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch Frauenzimmer und noch viele mehr – eben alle, die jetzt auch leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden waren, herumwirtschafteten.

Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten.

Jetzt war das Maß voll, über und über voll – das Blut des geduldigen Mannes war endlich in Wallung geraten – in eine ganz wütende Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren. »Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße Halsbinde mit der Mechanik hinein.

»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben – diese Bestien?« Das war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich grübelte. – Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen kommen, da hatte er's – da rieb er sich die Hände in seiner Wut und flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die dunkelsten Wege auf und nieder.

Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl geliefert.

Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen.

Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.

Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens und des Verstummens.

Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen.

Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn, wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war.