Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu.
»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der Mann? – Sollte er tobsüchtig geworden sein?«
»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn »Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde, denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem Kopf ins Gesicht.
Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein – ach du barmherziger Gott – so ein sträflicher Gedanke! Der alte, wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das war in ein paar Sekunden hineingezwängt.
Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr, sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den Windlichtern zu.
Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«
»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so umhergesprungen? – Ich habe Sie ja springen sehen.«
Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden, denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen. Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum Zerspringen.
»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das? Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet – oder – oder wie wär's denn mit noch einem Gläschen?«
Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten Dame.