Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.
Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!
Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen Herzensgüte – das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und wohlgestellt – Ehrenmänner – Ehrenfrauen – aber aufgepaßt!
Hütet euch vor ihnen!
Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.
Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt – und wie er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.
Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben – und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos steht – und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.
Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich dort – und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt – und jung ist und leben möchte – und aus einem Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe erwacht.
Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!
Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!