Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.

Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.

Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie geschaffen – die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug sein.

Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.

Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging – die Träume brachten mir schlimme Erscheinungen – und das Bild des Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.

»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich gelernt hatte.

Ich führte ein freies Leben – täglich nur eine Unterrichtsstunde und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu erteilen.

Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.

Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.