Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.
Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.
Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und warm!
Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.
Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut; aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen.
Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem guten Vater vorzeigen mußte.
Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch zu strafen.
Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig dunkel.
Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes – und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine große Anzahl Wachslichter.
Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen konnte.