Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. – Die Gewalt in dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens.
Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches – das Leben mußte sich anders gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber wie, was sollte geschehen?
Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas, was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer gehen wollte.
Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie einigermaßen zu wundern schien.
Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen.
Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu.
Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg.
»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll. »Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor – ohne Beichte!«
Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.
»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«