»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, – du treuer Mensch!«
Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, – treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.
Das dritte Ratsmädel.
Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube stecken mußten. – So eine unbekannte Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch etwas höchst Merkwürdiges!
Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! – Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen könne.
Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.