Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
Einmal schrieb auch die Großmutter.
»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. – Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. – Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich lügen.
Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist jetzt unser Quartier.
So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt doch gut wohnen. – Fünf Fenster in Front, drei Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht – und das Glockengeläute obendrein.
Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.