Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und – komisch! – einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder ›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe lag.
»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs in die Küche.
Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.