»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer etwas zu thun.
Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre Art.
Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der Arbeit.
Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.
Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.
Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.