Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen Menschen vor.

Das ging so ein paar Tage fort, – so hilflos, so über Bord geworfen fühlte sie sich! – Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte fahre?«

Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.

Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch die dunklen Straßen fährt – und die Schläfer weckt – und ihnen das Herz bewegt.


In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, – das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und höher, immer höher.

Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.

Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.

Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen gönnend, – nichts wollend selig.

Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen und leben wollte.