»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.

»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.

Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.

Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.

Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und Sauberkeit – aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.

Das war ein Kreuz und ein Elend – und dies vor den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß genug.

Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.

Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung – und wenn, von den Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln – und dann das Bürsten von neuem begann – wild und eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!

»Und die Finger, Gustävchen – und die Finger und das Fazeterl?

»Die Finger –, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« –