Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme – so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.

Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig schwindlig – da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen – damit wir den Nachmittag vor uns haben – Gustävchen!«

Und dann gingst du in deine Sitzung – da warst du ein freier – ein großer Mensch.

In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach – gar nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich – alles, alles. Ueber die Schwelle – ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war eine vortreffliche Einrichtung!

Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben – oder ob was hineingekrochen ist.

Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat – das weiß ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die Sitzung gehen können – das wäre schön gewesen! Der aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.

Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.

Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede – fremd starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht – das hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.

Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren zulächeln.

Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. – Glaub's nur, Herr Rat.