Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.
Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache Schmutzerei.
Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete – und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.
Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.
Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. – Aber am Nachmittag!
»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.
Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.
Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und wichtig machte.
Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz wieder herein.