Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen immer noch mit.
Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. – Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen – und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.
Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.
Das ging so fort jahraus, jahrein.
Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein Wein verschenkt – der Boden ihm unter den Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.
Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.
»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann – der sollte in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen – das hatte er dir vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is – und kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus – der weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf – und thut 's Maul nich auf.
»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹
»Der Herr Rat, der hört's dir nur – un sagt gleich: ›Das ist ja wunderlich – das ist ja wunderlich.‹
»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich weg. – Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« –