Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten – da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von Jahren lang.
Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich gab; – es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung« – oder »Ein kapitaler Februar« – oder »Ein Staatsfebruar« – oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen hat« – oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren von damals zu sagen liebten.
Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.
Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.
Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. – Sie würden sich mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. – Jawohl – daraus wird aber nichts.
Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und die Rätin meinten, daß er sein müßte.
So ging es eine ganze Weile fort.
Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. – Gott weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte man ihn gesehen haben.
Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft – darüber mußte aber die Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen – da lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.