»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines vergangenen Lebens.

Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still – Kathrine mußte auch fort sein.

Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.

Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang – aber ein gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon – weiter nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.

Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber glänzen.

»Wenn einer einen Garten hat.«

Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.

Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig, sondern triumphierend – wirklich triumphierend. Und er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft – für sich selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!

Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu wandern.

Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die Kathrine ausgegangen war.