Und endlich – endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.
Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.
Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun einmal angewöhnt.
Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.
Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin – Garten an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer Mühle.
Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen Grasfleckchen – keine so blechernen Gärten, in denen die Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.
Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.
Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging – und jetzt stand er vor seiner Thür – seiner Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten – und der Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.
So ein Duft aus dem eigenen Garten!
Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.