Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und blühte und knospte und duftete.
Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde wie Schilf – nur weicher.
Und alles war so weich, so voll, so lebendig – Farben lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.
Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.
Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:
»Wenn einer einen Garten hat.«
Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.
Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.
Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die Finger.
Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.