Unter den weimarischen Leuten würde sich ein jeder geweigert haben, das Medizinfläschchen oder Pulver, das er abzuholen kam, aus der Hand des fatalen Gehilfen in Empfang zu nehmen, denn man sagte, daß er es, ehe man hinter seine Schliche gekommen sei, mit einem unheilbringenden Lächeln überreicht habe. Was an dem Treiben des Gehilfen wahr sein mochte, hat wohl schwerlich jemand erfahren; denn ich weiß nicht, ob das Buch der dem Tode geweihten Weimaraner, das in der Apotheke geführt wurde, je zum Vorschein gekommen ist.

Der Gehilfe hatte jedenfalls ein einsames, unbehelligtes Leben. Wohl möglich, daß dies seiner Natur zusagte; es giebt ja sonderbare Käuze genug auf Erden.

Er hatte unbedingt etwas Hämisches, Spöttisches in seinem Wesen, machte den kleineren Apothekerskindern Grimassen, wenn er an ihnen vorüberging, und versteckte der ganzen jungen Gesellschaft den Syrup, nach dem sie allerseits großes Verlangen trugen, in die Giftkammer. Das verhinderte die Apothekerskinder durchaus nicht, mit Gästen und ohne Gäste auch dort ihren Syrup aufzuspüren und sich eine Güte daran zu thun. Sie wurden bei ihrem Treiben in der verhängnisvollen Kammer von dem Gehilfen im stillen beobachtet, und die unartige Bande bemerkte das gar wohl, und jedes dachte bei sich: „Da kann er lange warten, bis wir uns einmal vergreifen, der Esel.“ Sie kannten ihren Syrupstopf, Syrupus simplex!

Bei all und jeder Gelegenheit ging es im Apothekerhause festlich zu. War das Geschäft besonders gut und einträglich, das heißt, war das gute Weimar eine hübsche Zeit lang von irgend einer Krankheit gründlich heimgesucht, so lebten sie bei Apothekers besonders reichlich. Dann saß die Familie mit Kind und Kegel vergnügt und hilfreich bei einander, wenn zur Zeit irgend einer Epidemie mehr Hände im Geschäft gebraucht wurden, als gewöhnlich, um Papier zu Pulverpäckchen und zu den roten Flaschenkäppchen zuzuschneiden und allerlei nach Bedarf zu mörsern und zu reiben. Sie thaten das mit ganz besonderem Behagen, und schwerlich konnte man den braven Leuten nachsagen, sie hätten die guten Bissen mit dem Bewußtsein zu sich genommen, daß sie ihre vorzügliche Nahrung aus dem Verderben ihrer Mitbrüder zögen, wie die Bienen Honig aus den Giftblumen. Sie dachten so wenig über den Grund ihres Wohlstandes nach, wie es Millionen andere auch nicht thun, die sich durch das Elend und den Tod ihrer Mitgeschöpfe nähren. Wohin sollte unsere Ehrbarkeit, Würde und Vortrefflichkeit geraten, wenn wir darüber simulieren wollten! Gott behüte uns davor!

Apothekers verstanden es, festlich zu leben, und wohl den Kindern und Vettern und Basen, denen das Schicksal solch ein Haus zugänglich gemacht hat! Die können einer munteren Jugend gewiß sein.

Eines Nachmittags in der allerschönsten Zeit, in der das Pfund Kirschen zwei Pfennige kostete, war bei den guten Leuten die ganze Gesellschaft versammelt, Röse und Marie mit ihren drei Freunden Budang, Horny und Schiller, ferner die Wirte mit allen Kindern, der alte Kupferstecher Müller mit drei erwachsenen Sprößlingen, Müllersch Lotte, Müllersch Ernst und Müllersch Heinrich.

Die einstige Gouvernante des Prinzen Konstantin, eines Sohnes Karl Augusts, war auch zugegen. Die hielt mit der Apothekerin, die früher bei Prinzeß Karoline Kammerfrau gewesen, gute Freundschaft und war eine muntere, alte Person, die es sich nicht zweimal sagen ließ, wenn es irgendwo eine Feierlichkeit gab, bei der man sie gebrauchen konnte. Die Dame war ein Fräulein von Knebel.

Sie war bei Hofe und in der ganzen Stadt durch eine artige Geschichte, die man allenthalben von ihr erzählte, zu einer gewissen Berühmtheit gelangt.

Eine drollige Geschichte stirbt so leicht nicht aus, und Fräulein von Knebel hatte sich mit guter Manier darin gefunden, die Heldin einer Anekdote zu sein, die man nicht müde wurde, immer wieder bei guter Gelegenheit anzubringen.

Ihr Zögling, Prinz Konstantin, war einst in eine solenne Hofgesellschaft aus irgend einer knabenhaften Laune mit einem Purzelbaum zur Thür hereingekommen und hatte allgemeines Entsetzen erregt. Seine Erzieherin, die ihm folgte, war von dem etikettelosen Benehmen ihres Zöglings bis ins Innerste erstarrt, und die Herzogin Luise, die Mutter des kleinen Übelthäters, ging mit einem äußerst ungnädigen Blick auf Fräulein von Knebel zu, richtete ein paar das Benehmen des Prinzen rügende Worte an sie und erhielt von ihr mit pathetischer, unschuldsreiner Stimme zur Antwort: „Hoheit, von mir hat er das nicht gelernt!“